Česky Deutch

(Ein Bericht von Frau Klementine Herrmann, geborene Seidl aus Boxgrün, Nr. 32)

(Ein Bericht von Frau Klementine Herrmann, geborene Seidl aus Boxgrün, Nr. 32)

Ich fahre immer wieder gerne nach Boxgrün. Das kann nur einer verstehen, der dort geboren und aufgewachsen ist.
Es sind 57 Jahre, seit ich meine Heimat Boxgrün verlassen habe, aber ich habe noch meine Erinnerungen, obwohl ich damals erst 12 Jahre alt war. Außerdem haben unsere Eltern uns Kindern das alles wiederholt erzählt, Deswegen kann ich es aufschreiben.

Schulzeit:
An die Schulzeit in Boxgrün habe ich schöne Erinnerungen.
Unsere Schule war eine einklassige Volksschule mit acht Abteilungen. Wie viele Schüler wir gewesen sind, weiß ich nicht mehr, aber auf den Fotos sind etwa 35 bis 40 zu zählen. Meine Lehrer waren: Frau Augusta Tobisch, Frau Bayer, Herr Woitschel, Handarbeitslehrerin Frau Melzer; Religionslehrer Herr Pfarrer Franz Kunze.
Im Sommer betrieben wir Turnen und Völkerball auf dem Sportplatz.
Im Winter, wenn es viel geschneit hat, konnten wir oftmals nicht in die Schule gehen, denn manchmal waren die Häuser bis über die Türen und Fenster eingeschneit. Mit den Lehrern, aber auch in der Freizeit, fuhren wir oft Ski oder Schlitten, bauten Schneehäuser oder machten eine Schneeballschlacht.
Während der Kriegsjahre kamen die Lehrer manchmal zu uns und kauften Eier, Butter, Quark, oder zur Weihnachtszeit auch mal eine Gans. Dabei durften wir mit ihnen nur sprechen, wenn, wir von ihnen gefragt wurden.

Allgemeine Lebensverhältnisse in Boxgrün:
In dem Geschäft, das es in Boxgrün gab, wurden nur das eingekauft, was man nicht selber erzeugen konnte. Im Dorf lebten Bauern und einige Handwerker. Kartoffel gab es fast täglich, und sehr oft Mehlspeisen, dazu eingemachte Beeren oder Obst. Das Getreide wurde zum Müller in die Weihermühle gebracht. Wenn Vater mit dem Ochsengespann dort hin fuhr, durften wir, ich und mein Bruder, mitfahren. Vater bekam für gelieferten Roggen oder Korn das Roggenmehl, für Weizen das Weizenmehl.
Da wir im Haus einen Backofen hatten, hat meine Mutter das Brot selber gebacken. Wir Kinder durften mithelfen und das Brot bestreichen. Mein Vater knetete den Brotteig, weil das für Mutter zu schwer war. Alle zwei Wochen wurden zehn bis fünfzehn Laibe gebacken. Für das nächste Mal wurde immer Sauerteig in Laibgröße aufbewahrt.
Kleine Gerichte oder Kuchen wurden in der Röhre neben dem Kachelofen gebacken, für Hochzeiten und Festtagen aber wurde der Kuchen (Mohn- und Quarkkuchen) auch im Backofen gebacken.
Einmal in der Woche machten wir Butter. Der Rahm wurde in einem Butterfaß gestampft. Wir hatten einmal auch eines zum Drehen. Quark gab es auch von der Buttermilch. Natürlich wurde das alles mit der Hand gemacht, da es in Boxgrün noch keinen elektrischen Strom gab, obwohl es die reichste Gemeinde der Umgebung war.
Um den Ort wurde Obst angebaut. Wir ernteten Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen, Weichsel, Kirschen, Birnen, Nüsse, Amarellen, Wir Kinder kletterten gerne auf den Obstbäumen herum. Am Nachmittag nach Schulschluß gingen wir in den Wald und sammelten Haselnüsse, Schwarzbeeren, Preiselbeeren, Rotbeeren (das sind kleine Erdbeeren, die wild wuchsen). Dann gab es noch Himbeeren und Brombeeren. Die Pilze wurden getrocknet und für den Winter aufgehoben. Wenn es dunkel wurde, hörten wir das Schreien der Rehböcke.

Im Sommer hatten wir Kinder unsere Beschäftigungen. Wir waren den ganzen Tag in der freien Natur. Da es keinen landwirtschaftlichen Maschinen gab, wurde die Feldarbeit mit der Hand gemacht, wie die Schneiden des Getreides und das Mähen der Wiesen. Beim Heumachen halfen wir Kinder beim Wenden und Verstreuen mit, und wenn der Heubaum dann auf den vollgeladenen Leiterwagen aufgelegt wurde, freuten wir uns, wenn wir oben drauf mitfahren durften. Bei der Getreideernte halfen wir die Garben aufzustellen.
Wenn die Eltern auf den Feldern arbeiteten, hüteten wir Kinder das Vieh. Dabei machten wir im Herbst ein Feuer und brieten uns Kartoffel. Erst wenn die Tiere satt war, durften wir es heim treiben. Dabei stieß mich einmal die Kuh eines Nachbarn so, daß ich stürzte und mich am Fuß verletzte. Die Kühe wurden alle mit der Hand gemolken, ebenso die Ziegen. Wir Kinder probierten das auch, und lernten es dabei. Die Hausaufgaben für die Schule wurden dann aber immer erst am Abend gemacht.

In Boxgrün waren die Wiesen übersät mit Blumen. Aus vielen Kräutern, aber auch aus Lindenblüten und Hagebutten, wurden Tee gemacht. Mit dem behalf man sich, wenn jemand krank war. Aus Arnika stellte man eine Heilsalbe her, und auch der Quark brachte bei manchen Krankheiten Linderung.
Die Kartoffel, das Kraut, die Rüben, alles ist mit Mist gedüngt worden.
Wir Kinder sind im Sommer oft barfuß gelaufen. Wir haben gesund gelebt mit viel Bewegung, einer vernünftige Emährung (Roggenbrot, Milch, Obst, Eier). Fleisch gab es nur am Sonntag. Auch Wurst gab es selten, denn in der Kriegszeit durfte man nur 1 Schwein schlachten, das zweite mußte man abliefern.
Am schönsten war es im Frühjahr, wenn die Gänse und die Hühner brüteten und die Küken dann schlüpften. Wenn eine Kuh kalbte, half der Nachbar. Bei den Ziegen die Nachbarin; es gab keinen Tierarzt.

Der Wald im Erzgebirge war Mischwald, also außer Fichten wuchsen auch Buchen, Lärchen usw. Der Wald der Kirche (der "Kirchenwald") und der Hauensteiner Wald, der Besitz des Grafen, grenzten in Boxgrün an.
Jeder Bauer besaß außer Wiesen und Felder auch ein Stück Wald. Meine Eltern hatte insgesamt ca. 90 Morgen Grundbesitz, das sind 18 Hektar. 9 ha waren Wiesen und Felder, 9 ha waren Wald. Dieser Wald war von meinem Ururgroßvater, Urgroßvater, Großvater, dann von meinen Eltern genutzt worden. Da es noch keine Motorsägen gab mußten die Bäume mit der einfachen Handsäge gefällt werden. Im Winter wurden die Baumstämme oder das geschnittene Holz auf Schlitten mit dem Ochsengespann abgefahren.
In den Wintermonaten stellten Frauen und Mädchen KIöppeldecken her, die verkauft wurden. Es war auch üblich, daß die Frauen sich zusammen setzten und "Federn schlissen", also Gänsefedern für die Federbetten und für die Hochzeitsaussteuer sortierten.

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Vor 1938
Bis 1938 besuchten mein Bruder Oswald und meine Schwester Rosa die tschechische Schule in Weigendorf [Weigensdorf](Vikmanov), täglich zu Fuß. Als Hitler 1938 einmarschierte mußten sie aber zurück in die deutsche Schule nach Boxgrün, Meine Geschwister mußten die Klasse wiederholen, obwohl sie gute Noten hatten. Wahrscheinlich, weil meine Eltern gute Kontakte mit Tschechen hatten, wie mit Familie Husek (Hušek?) und mit Familie Puchmayer in Pürstein. (Herr Husek war tschechischer Polizist, auch Herr Puchmayer war Tscheche, aber beide hatten deutsche Frauen).

Ich weiß nicht, warum unser Name Seidl im Register von Boxgrün nicht zu finden ist. Vielleicht liegt des daran, weil mein Vater nie bei der Partei gewesen ist, obwohl er im Gemeinderat war. Deswegen haben meine Eltern auch manche Probleme mit den Leuten der Nazi-Partei gehabt. Es war bekannt, daß Vater, ebenso wie sein Freund Fischer, unerlaubte Radiosender hörte. Und als er dann einmal im Gasthaus einige Wochen vor Kriegsende äußerte, daß der Krieg bald zu Ende sein, würde und die Russen kommen würden, wurde er von irgend jemandem angezeigt. Mein Cousin, der in Karlsbad bei der Polizei war, konnte seine Verhaftung gerade noch verhindern. Ähnlich war es mit Mutter. Auch sie wurde angezeigt, weil sie sagte, daß ihre Kinder am Sonntag zuerst in die Kirche gehen und erst dann zur Versammlung der Hitlerjugend.

Kriegsende 1945
Schon vor Kriegsende kamen bei uns Flüchtlinge aus Ostpreußen, aber auch aus Osteuropa vorbei, die vor den Russen geflohen waren. Sie kamen mit Pferden und Wagen. Meist waren es Bauern, aber auch Handwerker wie Bäcker und Müller. Wenn sie sich einige Tage aufhielten, bevor sie weiterfuhren über die Grenze nach Deutschland, kauften sie von uns und anderen Dorfbewohner Brot. Andere Lebensmittel hatten sie selber. Sie hatten aber auch Geld und Schmuck.
Ich kann mich noch erinnern, daß meine Mutter einmal Geld einer Familie unter ihren Kleidern versteckt hat und es von Boxgrün aus zu Fuß über die Grenze bei Weipert zu Bekannten gebracht hat, wo sie es sich abholen konnten.

In Boxgrün arbeiteten einige französische Kriegsgefangene. Mein Vater hatte aber einen aus der Ukraine. Alle waren froh bei den Bauern zu arbeiten, denn da hatten sie genug zu Essen. Sie erhielten öfters Päckchen vom Roten Kreuz. Von ihnen bekamen mein Bruder und ich einmal Schokolade.
Im April 1945, ein paar Wochen vor Kriegsende, kamen SS-Männer und deren Sekretärinnen mit jüdischen Frauen aus Auschwitz. Die Frauen waren abgemagert, hatten die Haare kurz geschnitten, trugen blaugraue Kleider und hatten Holzschuhe an den Füßen. Für die SS-Leute mußte meine Mutter ein Schlafzimmer und die Wohnstube bereit halten. Einige der Frauen hat meine Mutter im Haus aufgenommen und sie mit frischer Wäsche und Kleidern versorgt. Es waren drei Schwestern dabei: Regina, Rosa und Ernestine. Die jüngste von ihnen war erst 16 Jahre. Alle waren sehr intelligent und sprachen deutsch, hebräisch und russisch.
Eines Tages kamen die SS-Leute in unserer Stube zusammen. Dabei horte meine Mutter, da es keine Türe zwischen der Küche und der Wohnstube gab, daß sie den Befehl erhalten haben, die jüdischen Frauen zu erschießen, da sie angeblich nichts mehr zu essen hatten. Meine Mutter zeigte ihnen dann, daß wir aber für alle noch genug Kartoffel im Keller hatten. Die SS-Leute fuhren dann mit einigen Frauen ab nach Deutschland. Nach wenigen Tagen kamen die Frauen aber wieder, und als der Krieg zu Ende war, feierten sie zusammen mit französischen Kriegsgefangenen ihre Befreiung.

Mein Bruder Oswald mußte mit 17 Jahren zur deutschen Wehrmacht. Nach Kriegsende kam er in französische Gefangenschaft, bei Bad Kreuznach. Eines Tages sprach ihn ein Wachmann an: "Bist du der Oswald aus Boxgrün?" Er war ein ehemaliger Kriegsgefangener in Boxgrün! Ich glaube er hieß Paul. Er hat meinem Bruder etwas zu Essen gegeben und Zigaretten. Mein Bruder wurde bald entlassen, denn die Franzosen sagten, daß sie keine Kinder gefangen halten. Allerdings hatte mein Bruder sein Geburtsdatum gefälscht und sich jünger gemacht!

Von 1945 bis 1948
Nach Kriegsende mußten alle Deutsche weiße Armbinden tragen, damit man sie erkennen konnte. Eines Tages kamen Tschechen und vertrieben die ersten Dorfbewohner. Dazu gehörte auch unsere Nachbarin mit ihren Kindern. Innerhalb einer Stunde mußte sie ihr Anwesen verlassen, weil ihr Mann bei der SS gewesen ist.
Im Juni 1945 feierte die Jugend bei uns im Elternhaus die Sonnenwende. Mit einem alten Grammophonspieler spielten sie Musik, tanzten dazu und sangen Lieder. Ein paar Tagen später kamen Leute vom Narodny Vybor und beschuldigten meinen Vater, daß wir eine Hitlerjugendversammlung abgehalten hätten. Wir waren bei der Polizei angezeigt worden! Alle, die an dem Fest teilgenommen hatten, sollten nach Kaaden auf die Behörde, auch meine Eltern. In seiner Not wandte sich Vater an Herrn Husek, den tschechischen Bekannten in Pürstein, der dort bei der Gendarmerie war. Der hat sich bei den Behörden für uns eingesetzt und so ging alles mit einer Geldstrafe ab. Es waren einige tausend Kronen, die unsere Familie und die anderen Jugendlichen bezahlen mußten.
1946 mußten dann die meisten Leute in Boxgrün ihre Heimat verlassen. Sie wurden nach Deutschland ausgesiedelt. Unsere Familie aber nicht. Warum wir hierbleiben mußten, weiß ich nicht.

1946 bekam Boxgrün einen tschechischen Kommissar, Herr Janda. Dann wurden alle landwirtschaftlichen Betriebe enteignet, auch unser Betrieb Wir mußten unser Vieh abgeben. Für dieses wurde ein großer Stall gebaut, eine Kolchose. Meine Schwägerin und noch einige Frauen mußten die Kühe täglich zwei Mal per Hand melken. Im Dorf wurden mehrere Scheunen abgerissen, dafür baute man eine große Hofscheune. Die Leute, die noch hier waren, mußten in der Landwirtschaft arbeiten, aber alles, was man brauchte, mußte man von der Kolchose kaufen. Auch die Kartoffel, die auf dem ehemals eigenen Acker wuchsen! Es war strengstens verboten, etwas mit nach Hause zu nehmen.

Es kamen öfters Russen nach Boxgrün. Sie suchten nach Frauen und Schnaps. Einmal hat meine Mutter ihnen die Haustüre geöffnet. Da stürmten sie herein, und richteten ihr Gewehre auf sie. Ich flüchtete rechtzeitig durch die Hintertür zum Nachbarn.
Die Russen sind immer aus Joachimsthal (Jáchimov) gekommen. Dort war ein Uranbergwerk, das sie ausbeuteten. Und wer damals ein Wort gegen das tschechische Regime sagte, ob Deutscher oder Tscheche, mußte dort im Bergwerk arbeiten. Viele sind dabei umgekommen.

Meine (Schwester?) Tante Anna Seidl hat einen tschechischen Mann geheiratet (Kozlik). Sie zogen nach Třebomyslice bei Horažďovice. Zu unseren tschechischen Verwandten haben wir heute noch guten Kontakt.

Nach 1946 kamen bulgarische Arbeiter in der Kolchose. Da lernte meine Schwester Rosa ihren jetzigen Mann kennen, Velin Christov. Sie heirateten und bekamen 1948 ihren Sohn Roman, der in Boxgrün geboren wurde.

Mein Bruder Oswald lernte bei einem tschechischen Sehmiedemeister in Anbausch(?). Deutsche bekamen zwar kein Ausbildungszeugnis, da er aber handwerklich sehr geschickt war, konnte er nach kurzer Lehre die Schmiede in Boxgrün und Schönwald leitete. Er wurde auch bei der Ernte für Reparaturen an Erntemaschinen der Kolchose gebraucht. Er hat in unser Elternhaus das erste elektrische Licht in Boxgrün gelegt. Davor hatte nur Kommissar Janda welches.

Die Kinder in Boxgrün hatten kaum Möglichkeit eine höhere Schule zu besuchen, da der Ort so entlegen war. Es gab keine Autos. Bis Wotsch mußte man zu Fuß gehen, dann konnten wir mit der Bahn weiter fahren. Nur ein einziger ging zur Berufsschule.
Als ich täglich zur tschechischen Schule ging. (nach Wotsch?) war waren zu viert. Dabei stellten wir manchmal Dummheiten an. Im Winter setzten wir uns auf den Schulranzen und rutschten den Berg hinunter. Später durften wir im Auto des Kommissars bis Wotsch mitfahren. Im Sommer trampelten wir heimwärts mit den Gummistiefeln im Bach herum. Wir kamen auch durch Wald. Dort begegneten wir manchmal Zigeuner. Von denen hatten wir große Angst.

In Pürstein wurde ich einmal von einem Radfahrer an Bein verletzt. Frau Puchmayer, die perfekt tschechisch sprach, regelte immer alles. Sie konnte sehr gut kochen, z. B. Skubanky. Sie wohnten in der Villa eines Fabrikanten. Zur damaligen Zeit hatten sie schon ein Bad und Tapeten im Zimmer. Frau Puchmayer half mir beim Lernen der Vokabeln. In der Zeit nach dem Krieg, also nach 1946, wurden wir deutsche Kinder oft von den tschechischen Kindern beschimpft. Slowakische Kinder waren deutschfreundlicher.

Unser Vater bemühte sich um die Aussiedlung nach Deutschland. Für uns Deutsche gab es keine Zukunft in dem neuen tschechischen Staat. Wir hatten all unseren Besitz abgeben müssen, wir waren mittellos. Am 23.10.1948 erhielten wir schliesslich die Genehmigung. Wir durften alles, was wir noch hatten mitnehmen. Natürlich mußten wir den Transport selber bezahlen.

Als wir aussiedelten, konnte auch meine Schwester Rosa mit ihren Sohn mit uns gehen. Ihr Ehemann Velin aber nicht, weil er bulgarischer Staatsbürger war. Nach einigen Versuchen gelang es ihn schließlich, unter Einsatz seines Lebens irgendwie über die Grenze nach Westdeutschland zu seiner Frau und seinem Sohn zu kommen.
Nach unserer Ausreise kamen wir nach Graustadt bei Bamberg. Dort bebten wir vier Jahre in einem Flüchtlingslager, bis wir endlich eine Wohnung bekamen. Mein Vater war lange Zeit arbeitslos, aber trotzdem schickte er uns Kinder alle in die Schule und ließ er uns einen Beruf erlernen.

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Alte Bräuche

Der christliche Glaube war bei uns seit Generationen tief verwurzelt, deswegen wurde auch vor jeder Mahlzeit ein Gebet gesprochen.
Ein Weihwasserkessel befand sich in jedem Haus. Wenn jemand das Haus verließ, besprengte er sich mit Weihwasser, damit der Schutzengel ihn beschützen möge.
Bevor ein Laib Brot angeschnitten wurde, machte die Mutter ein Kreuzzeichen darauf.
Bei Gewitter wurden geweihte Kerzen angezündet, es wurde gebetet, und bei jedem Blitz machte man ein Kreuzzeichen. In Boxgrün gab es oft schwere Gewitter. (Als ich einmal wieder unser Vieh hütete, überraschte uns solch ein Gewitter. Dabei scheuten die Kühe und flüchteten durch den Wald bis nach Wotsch!)

Heiratete ein junges Paar im Dorf, wurde in jedes Haus Hochzeitskuchen ausgetragen. Wenn die Brautleute von der Trauung kamen, wurde am Ortseingang ein langer, mit Schleifen verzierter Strick quer über die Straße gespannt. Die Kutsche durfte erst dann weiterfahren, wenn das Brautpaar Geld ausgeworfen hatte.

Ostern:
In der Karwoche Iäuteten keine GIocken. Man sagte, daß sie nach Rom geflogen sind! Dafür wurde "geratscht": Drei Mal am Tage, immer zur Zeit des "Engel des Herren-Läutens", zogen Buben mit lärmenden Ratschenböcken und Klappern durch das Dorf und ersetzten damit das Glockengeläut.
Am Ostersamstag war in der Kirche das heilige Grab zur Auferstehungsfeier mit Blumen geschmückt.
Am Ostersonntag wurden große lange Büschel aus Weidenzweigen, sogenannte "Palmkätzchen", in der Kirche geweiht. Nach dem Kirchgang steckte man einige davon auf die Felder um gute Ernte zu erbitten. Die anderen bewahrte man im Haus auf, um Gottes Segen zu haben.
Am Ostermontag gingen die Buben mit Weidenruten von Haus zu Haus und trugen Ostergedichte und Gebete vor. Dafür erhielten sie Ostereier (die färbte man mit Zwiebelschalen). Manchmal gab man ihnen auch Geld.
Rechtzeitig vor Ostern wurde die Ostersaat gesät: Man steckte Korn- oder Weizensaat in mit Erde gefüllte Teller. Bis Ostern war das Getreide dann so hoch gewachsen, daß man Eier oder einen Osterhasen darin verstecken konnte.

Das Fest Fronleichnam wurde, wie allgemein üblich, groß gefeiert. In den Straßen von Wotsch, der zuständigen Kirchengemeinde, waren immer vier Altäre aufgebaut. An jedem Altar versammelten sich junge Mädchen. Die einen trugen bunte Kleider, die anderen weiße. Beim Auszug aus der Kirche und beim Umzug von Altar zu Altar, der auch durch den Friedhof führte, spielte die Musikkapelle, und der Kirchenchor sang ein besonderes Fronleichnamslied.

Zum Nikolaustag kam der Nikolaus mit einem Sack voller Äpfeln und Nüssen.

Das Weihnachtsfest war ein ganz besonderes Fest.
Die Bewohner gingen in der Nacht nach Wotsch in die Christmette. Das war meistens sehr beschwerlich, denn wir hatten immer viel Schnee. Der Fußweg dauerte ungefähr eine Stunde. Und man mußte sich warm anziehen, da es in der Kirche immer sehr kalt war.
Als Mittagessen des Hl. Abends (der Tisch war da immer mit einem weißen Tischtuch gedeckt) gab es ein besonderes Weihnachtsgericht: "Bezela", kleine gebackene Hefekuchen, die mit Wasser überbrüht wurden. Darauf wurde Butter und Sirup gestrichen und dann mit Zimt und LebkuchenbröseI überstreut. Dazu gab es Dörrobst (Zwetschken), und Milch, Tee oder Kaffee.
Den Christbaum in der Stube schmückten die älteren Geschwister. Darunter wurde die Krippe aufgestellt, mit Maria und Josef, dem Jesuskind in die Wiege, und den Hirten und Schafen.
Am Abend kam das Christkind zu uns Kindern. Mit einer kleinen Glocke läutete es vorher vor der Haustüre. Das Christkind war weiß gekleidet und brachte einen kleinen geschmückten Tannenbaum.
Wir erhielten alle ein Geschenk. Einmal einen Schlitten oder ein selbstgebasteltes Puppenhaus, aber auch Sachen zum Anziehen. Einmal bekam ich eine wunderschöne blaue Puppe. Als ich sie badete, weichte sie aber auf, denn sie war aus Pappe! An einem Weihnachtsabend brachte uns Vater aus Dresden ein Gänselislbild mit. (Ich habe es noch heute!). Am Hl. Abend dachten wir aber auch an das Vieh. Jedes bekam ein Stück Brot mit geweihtem Salz. Für die anderen Tiere, wie Hasen, Rehe und Füchse, legten wir Apfelschalen usw. unter den Obstbäumen aus.

Zur Erstkommunion wurden die Kinder im Pfarrhaus zu Kaffe und Kuchen eingeladen. Dafür hatte die Pfarrersköchin Torten gebacken.

In Boxgrün gab es eine Kapelle, in der im Mai Mainandachten abgehalten wurde.

Auch die weltlichen Feste wurden gefeiert, wie zum Beispiel die Pürnsteiner Kerwa (Kirchweih). Dabei kann ich mich erinnern, daß ich einmal Türkischen Honig bekam. Bei einer anderen Gelegenheit (das war bereits nach dem Krieg) kaufte mir mein Vater, als wir einmal in Kaaden waren, ein großes Eis. Als ich dann in Pürnstein wieder ein Eis haben wollte, verlangte ich von der Verkäuferin "led". Sie schaute mich aber freundlich an und sagte, daß das "zmrzlina" heißt.

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Diskuse

[1]  Anna Gruber, mail

Meine Urgroßeltern kommen aus Boxgrün Nr. 30. Franziska Dengler und Johann Weber. Vielleicht kann sich Frau Klementine Herrmann noch an beide erinnern. Johann Weber ist in den 60er Jahren in Komutov gestorben. Für mich wäre interessant, ein wenig mehr vom Leben der beiden zu erfahren.

[2]  Ralf Ziener, mail

Sehr geehrte Frau Hermann, Vielen Dank für Ihre Geschichtserinnerungen, meine Familie stammt aus Boxgrün und ich bin am Anfang meiner Ahnenforschung. Ich wäre sehr froh mit Ihnen in den Mailkontakt Torten zu können. Außerdem würde ich noch gern mehr von Ihnen lesen, kann ich noch mehr von Ihnen irgendwo lesen? Mit lieben Grüßen aus Dortmund Ralf Ziener

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