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Die Waldöstl aus Neudek in Böhmen

Die Waldöstl aus Neudek in Böhmen
Die Geschichte einer kleinen Stadt im Spiegel eines Familiennamens
In den dichten Wäldern, die vor Jahrhunderten den Talkessel umgaben, in dem später die Stadt Neudek lag, soll sich einmal ein Jäger verirrt haben, der dann eine hohe Tanne auf einem Berg bestieg, um Ausschau zu halten. Zu seiner Freude sah er im Tal den neu gedeckten Turm eines Schlosses, das auf einem Felsen stand. Er eilte hinab und fand außer Felsen und Schloß auch ein Häuschen mit einer Schmiedewerkstatt vor. Als er den Schmied fragte, wo er sich befinde, und ihm dieser keine Antwort gab, weil er ihn nicht verstand, rief er laut: „Du bist ein rechter Waldesel!“
Aus dieser Sage, die Fachlehrer Josef Pilz in seiner „Geschichte der Stadt Neudek“ wiedergibt, lassen sich gleich drei bis heute gebräuchliche Namen erklären: der von Neudek, und seinem Ortsteil Hochtanne sowie der Familienname Waldöstl, der sowohl nach Pilz als auch nach der Aussage von Urkunden aus der älteren Form Waldesel abgeleitet werden kann.
Geht man davon aus, daß Sagen einen historischen Kern haben, und daß demnach der alte Neudeker Familiennahme mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich im Spätmittelalter am Ort seines Fortlebens entstanden ist, so könnte heute der Wunsch aufkommen, Näheres über die Familie Waldöstl zu erfahren. Es gibt in der Tat eine Familienforschung, die ein in Mobschatz bei Dresden lebendes Ehepaar als Träger dieses Namens im Hinblick auf seine gleichnamigen Vorfahren und überhaupt das ganze Geschlecht betreibt. Nach Auskunft von dieser Seite haben die Forscher vor allem die Grundbücher und Ehekontraktenbücher von Neudek, soweit sie vom 17. bis zum 19. Jahrhundert datieren, aber auch weitere geschichtliche Dokumente eingesehen, wobei all diese Bücher bis auf eines im Staatlichen Bezirksarchiv in Karlsbad-Fischern vorliegen. Die eine Ausnahme ist die „Erste Neudeker Pfarrei-Matrikel (1562 – 1597)“, herausgegeben von Erwin Siegel 1992 (Neustadt/Aisch).
Das Mobschatzer Ehepaar hat die Ergebnisse seiner Forschung in einem umfangreichen Stammbaum und weiterem dazugehörigen Notierungen niedergelegt. In diesem Aufsatz soll in verkürzter Form darüber berichtet werden. Sein Verfasser stützt sich ausschlißlich auf die Unterlagen, die ihm aus Mobschatz geliefert wurden, und bekundet an dieser Stelle seine Wertschätzung für die dort geleistete Arbeit.
Die urkundlich genannten Waldesel
Der Name Waldöstl in seiner ältesten Form Waldesel wird erstmals urkundlich genannt im 16. Jahrhundert, als ein Dominus Thomas Waldesel von Reichenstein 1575 in Neudek verstirbt. Wir erfahren, daß er der Vater von Thomas Waldesel, Dorfrichter in Thierbach, ist. Unter der Jahreszahl 1591 wird eine Patenschaft einer Gräfin Schlick bei diesem Dorfrichter verzeichnet.
Die Waldöstl und hohe Stadtämter
Im 17. Jahrhundert haben die Waldesel ihren Namen in Waldöstl umgeändert. Von da an sind Angehörige dieses Geschlechtes bis ins 20. Jahrhundert hinein häufig Inhaber hervorragender Ämter der Stadt Neudek. So erscheint 1661 ein Johann Georg Waldöstl als Stadtrichter; 1710 bekleidet Anton Waldöstl das gleiche Amt; 1750 ist Ferdinand Waldöstl Bürgermeister von Neudek. Weiterhin folgen in dieser Reihe: 1771 bis 1820 Josef Waldöstl, Bürgermeister; zu seiner Zeit unterschreibt ein Adalbert Waldöstl, Kantor und Lehrer, als Syndikator Administratus, das soll einem heutigen Notar entsprechen. Anton und Andreas Waldöstl haben damals als Zeugen gegengezeichnet. Ab 1820 ist Karl-Heirich Waldöstl Bürgermeister und Stadtrichter. 1842 bis 1848 bekleidet Franz Waldöstl dieselben Ämter. 1901 wird Jacob Waldöstl zum Bürgermeister von Neudek gewählt.
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Die Waldöstl als Handwerker
Welche Berufe übten die Neudeker Waldöstl aus? Vom 17. bis ins 20. Jahrhundert herrschen die Handwerke des Schmieds und Tischlers vor, so daß auch hierdurch eine Verbindung zur Sage hergestellt ist. Im 18. Jahrhundert treten drei Waldöstl als Schmiede etwa gleichzeitig hervor. Auch durch handwerkliche Leistungen haben sich die Waldöstl um ihre Heimatstadt verdient gemacht: 1863 fertigte Johann Georg Waldöstl das Holzkreuz auf dem Schießberg, später Kreuzberg genannt, an. 1897 stellte Franz Josef Waldöstl das eiserne Kreuz her, das bis heute auf diesem Berg steht.
Der Name Waldöstl außerhalb Neudeks
Es ist verständlich, daß der Name Waldöstl nicht lange auf die Stadt Neudek und ihre Umgebung beschränkt bleiben konnte. Den Familienforscher ist es gelungen, zwei Gruppen von Trägern des gleichen oder eines sehr ähnlichen Namens zu ermitteln, die geographisch außerhalb des Neudeker Geschlechts stehen. In einem Fall ist der genealogische Zusammenhang mit den Neudeker Waldöstl nachweisbar; im anderen kann er vermutet werden.
Im Jahre 1780 zieht Karl Wilhelm Waldöstl aus Neudek nach Labant im späteren Kreis Tachau um, und gründet dort einen neuen Zweig der großen Familie. 1899 wandert Andreas, ein Nachkomme aus dem Labanter Zweig, nach Selb in Bayern aus. Der letzte männliche Namensträger aus dieser Labant-Selber Gruppe, Wilhelm Waldästl – der sich in der Tat mit ä schreibt-, geboren 1925, lebt heute in Siegburg (Nordhein-Westfalen).
Am Ende des 18. Jahrhunderts erscheint ein Johann Waldästel – zwei Veränderungen! - in Prenzlau im Kurfürstentum Brandemburg; er wurde dort um 1774 geboren. Es handelt sich um den urkundlich feststellbaren Ahnherrn einer Nachkommenschaft, die vielleicht über einen ausgewanderten Waldöstl mit dem Neudeker Geschlecht zusammenhängt. Es liegt durchaus nahe, daß diese wahrscheinlich evangelische Familie durch Flüchlinge aus Böhmen in der Zeit der Gegenreformation begründet wurde. Ein Nachkomme dieser Gruppe lebte später in Neubrandenburg; ein Nachkomme, Otto Karl Hartwig Waldaeestel – eine neue Veränderung – (1857 – 1936), wurde Chefredakteur der Darmstädter Zeitug.
Aktive Frauen der Neudeker Waldöstl
Naturgemäß sagen die Grundbücher, aus denen die Waldöstl-Forscher einen Großteil ihrer Erkenntnisse gewonnen haben, über das Leben der Menschen nur so viel aus, als es mit Veränderungen in Bezug auf Grund und Hausbesitz zu tun hat. Immerhin gibt es auch da bei den verschiedenen Generationen der Waldöstl interessante Erscheinungen, die auf den jeweiligen geschichtlichen Hintergrund hindeuten. So treten, auffallenderweise seit 1789 (Beginn der Französischen Revolution) im Gegensatz zu früher auch Frauen als Grundstückskäuferinnen hervor. Von 1805 bis 1848, also über 40 Jahre lang, kaufte und verkaufte Maria Anna Waldöstlin, geb. Hofmaster, Häuser und Grundstücke in Neudek . Dabei ist diese Person des Schreibens zumindest anfänglich unkundig: Zusammen mit sieben anderen Frauen hat sie 1804 eine Grundbucheintragung mit drei Kreuzen unterzeichnet.
Die Neudeker Waldöstl im 19. und 20. Jahrhundert
Wichtig für das Fortleben des Neudeker Geschlechts der Waldöstl an seinem Ursprungsort wurde der „Klempner“ - so der Stammbaum – also Spengler oder Installateur – Wenzel Waldöstl (1866 – 1911), der sieben Kinder hatte, davon drei Söhne. Seine Nachkommen unterlagen der Vertreibung aus der egerländisch-erzgebirgischen Heimat, wo ihr Name sehr wahrscheinlich entstanden war. Er hatte sich dort vermutlich über fünf- bis
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sechshundert Jahre, mindestens aber laut urkundlichen Beleg vierhundert Jahre lang trotz Pest, 30jährigen Krieg und Gegenreformation (erste Vertreibung) vererbt und erhalten.
Abermals spiegelt sich in aller Deutlichkeit die Geschichte der Zeit in der Familiengeschichte wider. Eine Theresia Pecher, geb. Waldöstl (1882 – 1964), das älteste Kind des Klempners, hat eine Tochter Lotte (1907 – 1991), die einen Tschechen mit dem deutschen Namen Hauner heiratete. Beim Anschluß des Sudetenlandes an Deutschland 1938 müssen die Hauner ins Tschechische, das spätere Protektorat, umsiedeln. Der Sohn Vlado Hauner (1929 – 1995) lebt später wieder bis zu seinem Tod in Neudek und läst sich dort im alten Familiengrab der Waldöstl bestatten. Seine Großmutter Theresia Pecher darf mit ihrem Gatten in der alten Heimat bleiben. Dagegen müssen alle von der Familienforschung erreichten Träger des Namens Waldöstl, die vor der Mitte des 20. Jahrhunderts in Böhmen lebten, ab 1945 die Heimat verlassen, so daß der alte Name heute in seinem Ursprungsland erloschen ist.
Der Lebensweg eines Waldöstl im 20. Jahrhundert
Zu den Heimatvertriebenen des deutsch-böhmischen Geschlechts gehört auch Josef Waldöstl in Moschatz bei Dresden, Dozent für Theaterplastik, der zusammen mit seiner Gattin die Familiengeschichte erforscht. Von dieser Frau Waldöstl erhielt der Verfasser dieses Aufsatzes brieflich folgende Mitteilungen: Der Vater ihres Gatten, ebenfalls ein Josef, wurde noch im alten Waldöstl-Haus in Neudek geboren, das die Großmutter 1917 nach dem Tod ihres Gatten Wenzel an das Neudeker Eisenwerk verkaufte. Im gleichen Jahr erwarb diese Frau ein Haus mit Grundbesitz in Sodau im Egerland, wo der spätere Familienforscher als Sohn des gleichnamigen Landwirts zur Welt kam. Nach dem Tod der Eltern und der Großmutter innerhalb eines Jahres im letzten Krieg wurden Josef und sein Bruder Franz von einer Tante aufgenommen, mit der zusammen sie 1945 die Vertreibung nach Deutschland, zunächst in die Rhön, erlebten.
Fortleben in der Gegenwart
Durch die unvergleichliche, teils erzwungene, teils freiwillige Mobilität des 20. Jahrhunderts hat der alte Neudeker Familienname eine geradezu gesamtdeutsche Verbreitung gefunden. Zu seinen heute noch lebenden Trägern gehört außer dem Ehepaar in Mobschatz und seinem Sohn Andreas Waldöstl, geb. 1965, Ingenieur für Schwermaschinenbau, u.a. Anton Waldöstl, geb. 1920, der durch die Vertreibung in der Gegend von Günzburg ansässig wurde. Außer dem sind hier nach Auskunft der Familienforscher zu nennen: Franz Waldöstl, Bruder von Josef, geb. 1929, Gymnasiallehrer, wohnhaft in Vacha/Thüringen, sowie dessen Söhne Dr. Mathias Waldöstl, geb. 1958, Chemiker in Hamburg, und Lutz Waldöstl, geb. 1962, Diplom-Physiker in Berlin; der cletztere hat zwei Jungen als Nachkommen. Außerdem nennt der Stammbaum noch fünf andere Träger des Namens in der Neudeker Form. Dagegen lebt der abgewandelte Name weiter bei Willi Waldästel, Siegburg, 70 Jahre alt, und Uwe Waldästel, Wiesbaden, 20 Jahre alt. Der jüngste von Waldöstl ist Alexander, der Enkel von Ehepaar in Mobschatz, geb.2007.

H. F. Ullmann


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