Česky Deutch

Josef Škrábek

Haben die Deutschen weniger Informationen als die Tschechen?
Kennen die Tschechen mehr erfahren als die Deutschen?
Warum die Tschechen besser informiert sind als die Deutschen?
Wissen die Tschechen mehr als die Deutschen?

Ist diese Frage beleidigend? Unsinnig? Lohnt es mit solchen Fragen sich überhaupt zu befassen? Sind das nicht nur ausgedachte Behauptungen?

Selbstverständlich sind die Tschechen keine Besserwisser und in so manchen Angelegenheiten hinken sie den anderen nach. Niemand kann ja alles wissen. Aber in Sache (sudeten)deutsch-tschechischer Problematik, da wage ich den Versuch dieser vagen Vermutung nachzugehen.

Westdeutschlands Bürger waren Ende 1989 mit gewisser Gerechtigkeit überzeugt, dass die armseligen Menschen hinter dem Eisernen Vorhang nicht nur gute Schokolade, aber auch richtige Informationen vermisten. Jedoch viele Bürger der Vasallenstaaten nicht dem was die offizielle Propaganda Jahrzehntelang behauptete, z. B. dass die Sudetendeutschen Revanchisten zurückkommen wollen und ihr Eigentum verlangen werden glaubten. Da die meisten Tschechen (und andere) gegenüber den kommunistischen (und vorher den nazistischen) Behauptungen misstrauisch waren, so bemühte man sich Sendungen des Auslandsrundfunk und später auch Satellitenfernsehen zu empfangen. Das Ende des Jahres 1989 war doch so fantastisch! Uns hatte die plötzliche Flut eigener einheimischen freien Informationen überwältigt – und ich war aufrichtig froh, dass meine, erst kurze Zeit so gut dienende, damals für mich so hohe Investition in den Satellitenempfänger, auf einmal durch die neu Freiheit entwertet wurde.

So wussten nach 1989 die meisten Tschechen, dass sie Jahrzehnte lang nicht alles erfahren konnten und waren darum innerlich bereit neue Informationen eifrig einzuholen und beinahe ohne Misstrauen wahrzunehmen. Trotzdem es vielen Tschechen selbstverständlich kam, dass sie vieles in eigener Vergangenheit revidieren müssen, können sich neue Ansichten auf die deutsch-tschechischen Probleme nur ganz langsamsten durchsetzen. Den ersten Schock bereitete Václav Havel mit seiner Entschuldigung. Auch viele von denen, welche mit Havels Entgegenkommen überhaupt nicht einverstanden waren, hatten angefangen über diesen trüben Abschnitt unserer Vergangenheit kritisch nachzudenken.

In was änderten so manche Tschechen - selbstverständlich sehr differenziert – ihre früheren Vorstellungen?

Das Wort Vertreibung wird erst zögernd von der Öffentlichkeit wahrgenommen, vorher wurde immer nur von Abschub, Abgeschobenen, Transfer oder Ausgesiedelten gesprochen. Der Änderung der Terminologie entsprach auch eine Revision der damit verbundenen Vorstellungen.

Beinahe alle Tschechen wussten von den Grausamkeiten der Nazis und hatten deren Verbrechen empört verurteilt. Umso tiefer schockierten die ersten Berichte, dass auch manche Tschechen in der Nachkriegszeit viele entwaffnete deutsche Soldaten und sogar Zivilisten so fürchterlich misshandelten. Die Wirkungen waren sehr unterschiedlich – von Ablehnung, Misstrauen, Versuchen alles zu erklären, entschuldigen oder Verteidigen, über Scham zum Mitleid und neuen Fragezeichen. Waren es nur Übereifrige? War alles nur spontan? Wem sollte das dienen – und wer profitierte daran politisch?
Es folgen neue und neue Informationen von diesen „Exzessen“ der Revolutionszeit. Es bleibt jedoch dabei, dass die tschechische Öffentlichkeit überwiegend von der eigenen Version der zeitlichen Reihe von Gründen und Folgen überzeugt ist, aber heute der Meinung ist, dass wir uns hätten nicht so benehmen sollen wie es die Nazis taten.
Aufrichtiges Mitleid mit unschuldigen Opfern und das neue Schamgefühl erweckte in so manchen gewisse innerliche Bereitschaft kritisch über die Vergangenheit nachzudenken und zu einer (fast) allgemeiner Verurteilung der damaligen Mißhandlungen und so genannten Übergriffen. Das Wort beinahe bedeutet, dass es Ausnahmen gibt, welche nicht glauben, dass es zu so etwas ohne Grund gekommen wäre.

Und die Sudetendeutschen Tage?

Dreimal konnte ich die Atmosphäre dieser Tage miterleben. Menschlich beeindruckend wie sich die früheren Nachbarn treffen und die, welche als Kinder ihre Heimat verlierten, sprechen als Rentner über ihre damaligen und heutigen Freuden und Leiden. Und trotz alle überwiegend einseitige Vorstellung von der Rolle der Täter und Opfer (umgekehrt als bei den Tschechen) fahren so viele Vertriebene jährlich in ihre alte Heimat und unterstützen dort Renovierung von Kirchen, Kapellen, Marterln, Feldkreuzen und Friedhöfen. Nur bei ganz raren Ausnahmen spürt man Feindseligkeit oder sogar Hass gegen die Tschechen. Bei so manchen Tschechen überlebt Mistrauen, Bedenken und manchmal sogar Angst.
Niemand kann von den alljährlichen Treffen der Sudetendeutschen erwarten, dass dabei die Zeit mit Lob auf die lieben Tschechen, welche die Deutschen „aussiedelten“ verschwendet wird. Jedoch von den Tribünen klingen überwiegend Wiederholungen alter Angelegenheiten, teils objektiven Tatsachen, teils sehr einseitigen Behauptungen und teils Beharren in den alten Animositäten. Und auch die unbestrittenen Tatsachen verlieren ohne zeitlichen und sachlichen Zusammenhänge an Objektivität. Wie oft werden Redner durch Applaus unterbrochen, wenn sie mit erhöhter Stimme von den Tschechen sprechen: „Und die Tschechen müssen …und die Tschechen dürfen sich nicht denken, dass …“.
Ich habe in München und Nürnberg mit Bekannten und Unbekannten mit vollem Respekt zu deren Gefühlen gesprochen, ich wollte Polemik vermeiden, aber wenn man Behauptungen hört, so will man auch das eigene dazu sagen, z. B. hatte ich einiges von den tschechischen Gründen genannt, von welchen viele nie etwas erfahren hatten. Es ist jedoch begreiflich, dass sich die Teilnehmer dieser und ähnlichen Treffen gegenseitig eher in ihren subjektiven Vorstellungen bekräftigen, als neues über die Gründe der andren erfahren.

Wie steht es heute mit den Informationen an beiden Seiten?

Selbstverständlich, dass es an der deutschen Seite einige Sudetendeutsche mehr interessiert, als die altansässige Bevölkerung Norddeutschlands. Aber an der tschechischen Seite ist das Interesse an Beziehungen zu Deutschen und Deutschland wesentlich allgemeiner – und dem entspricht auch das größere Maß des „Informationskonsums“.

In der tschechischen Presse, im Fernsehen und Rundfunk wird über Deutschland und die gegenseitigen Beziehungen beinahe täglich berichtet. Öfters wird neben einen pro auch ein Artikel der Gegenmeinung veröffentlicht. Die einzelnen Beiträge kennen sehr einseitige Stellungen vertreten aber die Informationen sind ziemlich ausgeglichen. Es ist begreiflich, dass die tschechischen Medien insgesamt dieser Problematik viel mehr Raum widmen als dies in den meisten deutschen der Fall ist.

Markant ist die Unausgeglichenheit auch im Angebot der Buchläden.

Zuerst etwas national nicht belastetes, ein Witz aus der Zeit des Eisernen Vorhang:
Ein Kirchendiener lehnt die Aufforderung des Parteisekretärs ab am Abend die öffentliche Veranstaltung der Kommunistischen Partei zu besuchen. „Das kannst doch von einem Kirchendiener nicht verlangen!“
Der Parteisekretär sagt jedoch: „Du mußt aber kommen, den dein Sohn will Pfarrer werden, und du willst doch, dass ich ihn auf die Empfangsprüfung der Theologischen Fakultät in Marx-Leninismus gut vorbereite!“

Ja, unter den Kommunisten mussten die Nichtkommunisten (z.B. Christen) auch die Lehre des „wissenschaftlichen“ Marxismus-Leninismus kennen. Aber die Kinder der Kommunisten haben vom Wesen des Christentums nichts erfahren. Die Nichtkommunisten mußten mehr wissen als die Herrscher. Dies ist so häufig das Schicksal des Schwächeren. Und ohne ideologischen oder nationalen Vermutungen, gewollt und ungewollt, spiegelt sich dies auch ein wenig in der unterschiedlichen Informationsbereitschaft des Grossen und Kleinen ab.

Die Rolle der Bücher, früher so einflußvoll, steht heute tief unter der Wirkung anderer Massenmedien. Aber Bücher werden von Interessenten und besonders von den „Multiplikatoren“ gelesen. (Weltweit ist aber immer spürbarer, dass man nach Äußerungen einiger Medienmacher diese keinesfalls von Spuren intellektueller Lektüren verdächtigen kann.)
Da gibt es noch weitere Unterschiede. An der tschechischen Seite beherrschen die meisten Historiker Deutsch und eine immer noch breite Leserschicht kann die deutsche Literatur im Original lesen, und sehr viele deutsche Bücher erscheinen auch in tschechischer Übersetzung. Es ist begreiflich, dass die Kenntnis der tschechischen Sprache bei den Deutschen eine sehr rare Ausnahme vorstellt – wobei Werke der Tschechen, welche sich mit den tschechisch-deutschen Angelegenheiten befassen, kaum ins deutsche übersetzt werden!

Die Zeit sein 1989 erweckte bei den Tschechen gewissen Informationshunger, aber viele Deutsche, die bei der Wende mit gewisser Berechtigung von eigenem besseren Wissen überzeugt waren, bleiben weiter mit diesem Stand zufrieden.

Kaaden als Bespiel unterschiedlichen Vorstellungen:

Die Tschechen wissen beinahe nichts von den Märzgefallenen (4.3.1919) und erfahren erst langsam etwas über diese Tragödie.
Die Sudetendeutschen kennen nur die eigene Version von der Schießerei einer wilden tschechischen Soldateska in wehrlose und unbewaffnete Zivilisten, welche friedlich auf dem Kaadener Ring flanierten.
Weiter soll Kaaden ein Beweiß sein, dass die tschechische Okkupationsarmee die Kundgebung mit wilder Schießerei verhinderte.

Bei den Sudetendeutschen ist der Fortschritt in dem, dass mit gewisser Anerkennung über die heutige Stadtverwaltung gesprochen wird, welche sich an der Erhaltung einer Gedenktafel zu Andenken dieser Toten beteiligte.
Ich vermisse eine mögliche Spur: Im März 1919 waren die revolutionäre bolschewistischen Elemente noch in der Sozialdemokratischen Parteien. Und der, aus Moskau geschürte Hass gegen alle „kapitalistischen“ Regime hatten damals mehr Anhänger bei den Deutschen als bei den Tschechen. Die tschechischen Legionäre wurden in Rußland häufig von Bolschewisten angegriffen. Darum waren die Tschechen nach dem Ersten Weltkrieg gegen den revolutionärer Ansteckung ziemlich immun. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Situation umgekehrt – die Tschechen waren den „Russen“ (also Sowjets) dankbar und verloren ihre Wachsamkeit gegenüber einer Kombination von Sozialismus und nationalen Chauvinismus und „rutschten“ im Jahre 1948 mit zu wenig widerstand in eine rote Diktatur.

Dies ist nur ein Beispiel der gegenseitigen Unkenntnisse. Und anstatt einer Wiederholung eigener alter Argumente wäre produktiver den anderen zuhören.

Diskuse

[1]  Anne Majovsky, mail

Lieber herr Skrabek Leider kann ich kein tschechisch und so hoffe ich, dass man mein Deutsch verstehen wird. Ihr Artikel stimmt mich schon etwas friedlicher. Endlich jemand, der den Konsens sucht. Bis jetzt hab ich immer die andere Seite (leider) erfahren. Vor ca. 5 Jahren haben wir 2 Tschechen geholfen in Bayern in Arbeit und Brot zu kommen, man hat es uns leider schlecht gedankt (wir hatten Geld geliehen und es nie wieder bekommen),obwohl wir auf dem Standpunkt stehen, man soll nicht Gleiches mit Gleichem vergelten (von 1945 her),war unsere Meinung nun doch etwas ins Wanken geraten.Dennoch sind wir der Ansicht, dass man nicht alle über einen Kamm scheren soll, deswegen bemühe ich mich jetzt auch um Konsens, um einen guten klärenden Konsens, ich möchte so gerne an das Gute im Menschen glauben,und hoffe darauf, dass beide Völker sich eine offenere Sicht der Dinge aneignet. Unsere Familie ist heimatvertrieben aus dem Kreis Marienbad. Meiner Mutter zuliebe hatten wir vor 2 Jahren beschlossen, uns ihre Heimat anzusehen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich, obwohl ich mich wenig damit beschäftigt hatte, solche Gefühle entwickeln hatte können. Trauer, Wut und Resignation wechselten sich ab, wie in einer Fahrt mit der Achterbahn. Bewundern muss ich diejenigen, die versuchen das Alte wieder aufzubauen.z.B. Stift Tepl und die schöne Anna Kirche. Es ist schade, dass man auf beiden Seiten auf solch verhärtete Fronten trifft. Wir konnten das Mißtrauen spüren,als wir das Dorf meiner Mutter besuchten. Die Menschen standen an den Fenstern und schauten hinter den vorgezogenen Vorhängen nicht gerade freundlich drein. Wir wollten doch gar nichts. Wenn man sich die Tepler Hochebene anschaut, dann kann man sich gut vorstellen, dass das Leben dort zu jeder Zeit ziemlich hart war und ist. Selbst meine Mutter würde nie mehr für ganz zurückwollen und wir erst recht nicht. Wenn man sich die Nähe zu Russland ansieht. Und so hoffen wir, dass es irgendwann ein friedliches Nebeneinander und gegenseitige Achtung geben wird. Es wird wohl noch etwas dauern, bis man von Vertrauen sprechen kann. mfg Anne Majovsky

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