Česky Deutch

Interview mit Frau Hantschel aus Vorderzinnwald

Frau Anna – Maria Hantschel , geb. Gaube geb. am 11.9.1926
Eltern: Wilhelm und Emma Gaube
8 Geschwister (Foto der Geschwister, aber einige fehlen)

Vater war Maurer, hat dort gearbeitet wo gerade gebaut wurde, musste mitunter weit laufen, einmal z. B. bis Schellerhau jeden Tag hin + zurück
Mutter war zu Hause tätig, viel Arbeit bei vielen Kindern, dazu Vieh, Feld

wohnten gleich an Kammwegstraße zwischen Doktorberg und Gasthaus Grüne Wiese (Tutschner), war großes Haus, Familie lebte allein und die Oma (auf einem Foto von Frau Buller ist das Elternhaus von Frau Hantschel zu sehen)
im Erdgeschoß große Wohnküche, Stall, Abstellkammer für Werkzeug u. ä., Raum für Wäschewaschutensilien, vom Flur aus wurde der Backofen betrieben zum Brot backen,
1. Stock als Schlafstuben
Spitzboden für Heu, dort wurden auch Äpfel für Winter in Stroh eingepackt gelagert, die in Graupen gekauft wurden
Im Keller Kartoffeln
Klo im Haus 1. Stock, Trockenklo, Holztür wirklich mit eingeschnitztem Herz – warum, keine Ahnung, von außen war die Stelle des Klos als eckiger Ausbau zu erkennen- unten Grube

Wasseranschluss vorhanden und Wasserhahn in der Wohnküche, dort wurde nur das Wasser entnommen, gewaschen wurde sich in der Schüssel am „Labor“ ( vergleiche Foto Seiffen)
(Waschkommode im Schlafzimmer war Frau Hantschel nicht bekannt)
Warmwasserbereitung in der Wasserpfanne beim Kachelofen
Gebadet wurde jeden Samstag in der Küche, dazu die Wanne vom Wäschewaschen als Badewanne benutzt

Doppelfenster im Frühjahr ausgehängt / Herbst eingehängt , Zwischenraum mit Moos gefüllt, das im spätem Herbst aus Wald geholt wurde
Fenster wurden mit kleinen Obergardinen verschönt

Wände im Haus waren weiß gekalkt, die Leute kalkten auch aus Gründen der „Hygiene“,
manche hatten oben an der Wand eine mit Farbe aufgemalte schablonierte Bordüre oder es wurde unter dem, Weißkalk auch etwas grüne oder blaue Farbe gemischt, so dass ein dezenter Farbton entstand

3 Mahlzeiten pro Tag, zum Mittag kamen Kinder 12.00 Uhr aus Schule nach Hause
Essen war anders als bei uns in der Gegend heute, mehr böhmisch, da Rezepte aus der Zeit der österreich – ungarischen Herrschaft stammten – so auch Begriffe wie Paradeiser für Tomaten, Ribiseln für Johannisbeeren, Karfiol für Blumenkohl, vieles von damals macht Frau Hantschel heute nicht mehr – Ausnahmen: Semmelknödel, Gulasch mit viel Zwiebel und gemischtem Fleisch (halb Rind, halb Schwein), Buchteln, Mohnkuchen – so wie sie es von früher kannte

Lieblingsessen als Kinder: Buttermilchgötzen, Raachermad
beim Mittag als Gemüse gab es Möhren, Weißkraut (kein Rotkraut) – im Butterwinkel hatten die Familien ihre Felder in Richtung Geising (klimatisch geschützter und bessere Böden) und bauten Kohl an – Pflanzen mit Buckelkorb von Niklasberg geholt, aus Weißkraut wurde Sauerkraut gemacht – als Kinder war Frau Hantschel auch bei Familie Marzin zum Krautstampfen, hatten soviel Kraut, dass es verkauft wurde
Obst in VZ nicht gewachsen, wurde nicht reif, Äpfel, Pflaumen, Kirschen in Graupen gekauft, mit unter war es auch von weiter aus dem Böhmischen her, und im Buckelkorb hoch getragen

Waren viele Kinder zu Hause, deshalb nur ganz selten etwas wirklich Neues zu Anziehen.
Schönstes Weihnachtsgeschenk war deshalb auch ein Mantel, den sie als Kind bekam – sie war die erste, die ihn tragen durfte und das war etwas Besonderes
Kleidung und Schuhe wurden meist in Teplitz gekauft – dort neben Stadtcafé großes Kaufhaus Baťa gesprochen, die Auswahl war groß und es fand sich für jeden Geldbeutel etwas
Mädchen trugen ausschließlich Röcke / Kleider, wochentags oft mit Schürze übergebunden
Stiefel gab es noch keine

Kinder hatten viele Pflichten zu Hause und das war selbstverständlich
deutlich grenzten sich Tätigkeiten der Mädels und Jungs von einander ab
Mädchen mehr Haushalt und vor allem auf jüngere Geschwister aufpassen, Jungen auch im Stall, Vater auf Feld oder Wald oder am Haus helfen
im Sommer alle Kinder in Heidelbeeren, meist ab Alter von 6 Jahren – nach Frühstück und ein paar kleineren Arbeiten zu Hause ging es in den Wald, Mittag nach Hause zu Essen und dann wieder los, ein Teil der Beeren wurde verkauft ( in Graupen oder Eichwald), manchmal mussten das auch die Kinder erledigen

als Süßigkeiten gab es Bonbons zu Weihnachten und in Zuckertüte bei der Einschulung
an Schokolade selbst als Kind kann sich Frau Hantschel nicht erinnern, sie weiss aber,

dass Schokolade aus Deutschland nach Tschechien gepascht wurde
fast alle paschten irgendwie: Salz aus Tschechien nach Deutschland, Puppen aus Fürstenau nach Tschechien, zum Paschen waren die Leute mit Buckelkorb unterwegs
jeder hatte so seine Wege zum Paschen und so auch der Name Pascherweg, aber wo genau der war, weiß sie nicht mehr
vor 1938 brauchten die Leute einen Grenzschein, den sie kaufen mussten, um die sächsisch – böhmische Grenze zu passieren, aber so genau nahmen es die meisten nicht und gaben kein Geld dafür aus und liefen auch über Grenze, wo es für sie am besten war

Kinder tranken Milch, denn fast jeder hatte Kuh, Erwachsenen Malzkaffee mit Zichorie (?)

Bier kam aus Brüx und Billin, Schnaps wurde in VZ nicht gebrannt

Krankenhaus in Teplitz

Fleischer gab es in VZ nicht, aber es kamen Frauen aus Voitsdorf vom Fleischer mit Buckelkorb gelaufen, die fertig in Papier eingewickeltes Fleisch zum Verkauf brachten

tpische Maße mit denen Frau H. aufwuchs war das Deka, Fuß, Zoll, Strich (Feldgröße), Mandel

alle Kinder, die in 1 Jahr geboren wurden gingen mit 6 Jahren in die Schule (bei uns heute anders: 30.6. – 29.6.Folgejahr)
zur Einschulung gab es Zuckertüte – unterschiedlich groß, je nach Elternhaus, Zuckertüte gab es bei Tutschner (Grüne Wiese zu kaufen)
Schuldauer 8 Jahre
Mehrer Schuljahre in 1 Klasse, Lehrer erklärt einem Jahrgang- die anderen lösen Aufgaben neben Deutsch, Mathe, Religion – dazu kam Pfarrer von HZ 1 x Woche in Schule, Naturkunde (Biologie, Erdkunde), Musik, Zeichnen, Sport – dazu vor Schule draußen Eisenstangen auf denen Holzstangen befestigt waren als Barren (siehe Foto Schule)
zum Sport keine Extrakleidung sondern so wie sie waren, im Winter Skisport – Schlitten fahren sind sie nicht im Unterricht gegangen), es hatte nicht jedes Kind seine eigenen Schie, sondern im Hausflur standen immer einige Schier und Stöcke und jeder nahm sich, wenn er welche brauchte
auch Geometrie in höheren Klassen
Mädchen ab 2. Klasse Handarbeit, dazu kam 1 x Woche Fräulein Dempinski (?) aus Schule HZ nach VZ, alles wurde gelernt: nähen, stopfen, sticken, stricken , häkeln
Wolle dazu wurde bei Tutschner gekauft, in VZ keine Schafe und es wurde keine Wolle gesponnen
Unterrichten durften nur Oberlehrer, Religion der Pfarrer – hatten also immer eine richtige Lehrerausbildung
Schule von 8-12 , Mittag nach Hause, 13-14 die Kleinen, manchmal auch Mittag fertig,
die großen 8-12 und 13-16 Uhr und immer Hausaufgaben!
Ferien im Sommer Juli + August und Weihnachten ansonsten kann sich Frau H. nicht erinnern
Schuljahr beginnt September, endet Ende Juni
im Winter wurde Klassenzimmer geheizt
kein Schulgeld
Strafen durch den Lehrer: ging mit Stecken (Rute) durch Klassenzimmer Schläge auf Finger, bei größeren Vergehen auch auf Hinterteil
Pfarrer ließ Kinder zur Bestrafung knien
Im Winter mussten Kinder der großen Klassen (auch Mädels) mit Stangen, die Lehrer an Schule ausgab den Raureif von den Straßenbäumen schlagen, Lehrer zeigte wie es gemacht werden muss-das war wichtig, damit herunterfallender Raureif niemand verletzte
Raureif sah damals auch richtig schmutzig aus!

Spielzeug für Mädchen 1 Puppe
Vati von Frau H. schnitzte diese selbst - ganz aus Holz und nicht beweglich, Kleider fertigte Mutti, je nach Elternhaus waren später (ab`38)auch Zelluloid-Puppen möglich, dort Arme beweglich, oder mit Holzwolle ausgestopfter Puppenkörper + Gliedmaßen und oben „Glas“kopf , der ging aber schnell kaputt – konnte nachgekauft werden
Puppen waren nicht zum Schlafen mit im Bett
Für Puppe gab es auch selbst gefertigtes Bett / Wiege, verschiedene Kleidung
Jungen bekamen oft Holzpferde geschenkt, manche hatten auch Fell

In 3.Klasse Kommunion
Im Alter zwischen 11 – 20 Jahren Firmung durch Bischof ais Leitmeritz
Da nur Bischof das Sakrament der heiligen Firmung spenden darf , fand das nur etwa aller 6 Jahre statt, so dass bei Krankheit eines Firmlings er erst Jahre später das Sakrament empfangen konnte – war aber für spätere Eheschließung unerlässlich

geheizt wurde viel mit Holz und ab 1938 auch mit Kohle aus dem böhmischen Becken
In Vorweihnachtszeit wurde Striezel gebacken und Plätzchen, die dann bunt gemacht wurden
bunte Plätzchen, Nüsse und Äpfel hingen auch mit am Christbaum
bei Frau H. im Elternhaus war große Ecke in der Stube die als „Weihnachtsberg“ hergerichtet wurde mit ganz vielen geschnitzten Holzfiguren , in Ecke von oben nach unten Bretter angebracht, auf den einzelne Stationen der biblischen Geschichte dargestellt wurden, ganz unten dann der Stall mit der Geburt
für Kinder kam auch schon der Weihnachtsmann mit Larve vor dem Gesicht

am 2. Juli immer das Kapellenfest in VZ
dabei Prozession, mit großen Fuhrwerken kamen Kranke (meist Krüppel) aus anderen Orten, manchmal von weit her, weil sie auf Wunderheilung hofften
vor Schule war großer Platz und dort wurden Buden aufgestellt, am beliebtesten war die der Proftin (?) aus Graupen
man konnte türkischen Honig und allerlei Süßzeug kaufen
auch „Karussl“ (Karussell) für Kinder
es gab kein kostenloses Essen oder Trinken

Heidelbeerfest in HZ

St.Wolfgangsfest am Mückenberg

im Winter wurden Hauptwege mit Pferdeschneepflug beräumt, aber viele mussten schaufeln, auch Kinder waren eingesetzt zum Raureif abschlagen

ab 1938 Frauen zunehmend auch mit Kurzhaarfrisur mit Dauerwelle
vorher lange Haare, die zum Zopf geflochten als Kranz auf Kopf befestigt waren
Friseur in HZ Maatz oder in Geising

Mit 15 / 16 Jahren gerne ins Kino gegangen nach HZ, dort wo dann Gefangenenbaracke war
Oder nach Altenberg oder Löwenhain
Ab 1938 gab es für sie keine Grenzkontrollen mehr-empfanden sie als Erleichterung
Viele Familien in VZ besaßen Radio, dazu Akku notwendig, der musste im Bergwerk in HZ immer aufgeladen werden, Transport war schwer
Am liebsten hörte Frau H. das Lied „Lilly Marlen“, das kam meistens sehr spät und dann ging sie ins Bett
Tanz gab es mit Kriegsausbruch kaum noch
Aber Jugend traf sich beim Brücken Schneider, Jungen aus Fürstenau waren dort mit Schifferklavier und es wurde gemeinsam gesungen
Viele Leute spielten ein Instrument, aber Eltern von Frau H. waren nicht so musikalisch und so lernte sie auch kein Instrument spielen

Diskuse

[1]  Peter Görner, mail

..........habe mit großem Interesse Ihren Text gelesen und freue mich, daß all die aufgeführten Dinge, so, wie sie geschehen sind, der Nachwelt im Gedächtnis erhalten bleiben. Mein Großvater stammte aus Nordböhmen und hieß vor seiner Umschreibung im Königreich Sachsen H A ntschel. Fehler beim Standesbeamten. Kennen Sie Personen Hantschel aus früher Nordböhmen, Steinschönau oder Hayda. Ich bin Ihnen für eine kurze Antwort dankbar........Peter Görner, Dresden

[2]  Manfred, mail

Vorderzinnwald

[3]  Uwe Auerswald, mail

Sehr geehrte Frau Hantschel. Ihre Beschreibung über Ihre Heimat, deren Sitten und Gebräuche, hat mich beeindruckt und gleichzeitig Erinnerungen an meine Kindheit und Jugendzeit im deutschen Teil des Erzgebirges zurückgerufen. Vieles gleicht meinen Erlebnissen und Erfahrungen. Obwohl ich nicht mehr in dieser Region wohne, bin ich jetzt erst recht ein Erzgebirger. Und Sie bleiben im Herzen und im Gedenken an Ihre verlorene Heimat dort, am Platz Ihrer Kindheit. Ich hoffe, dass auch Ihnen Gerechtigkeit widerfahren möge. Hochachtungsvoll Uwe Auerswald Adelhausen in Südthüringen.

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Dieses Projekt wurde aus Mitteln der Europäischen Union im Rahmen der Initiative INTEREG IIIA teilfinanziert.